Von Zürich kommend lande ich vor meinem Weiterflug nach Stornoway auf den Äusseren Hebriden für einen Stopover in Edinburgh. Eine perfekte Gelegenheit, die geschichtsträchtigen Plätze der Stadt zu erkunden und ihre Atmosphäre fotografisch einzufangen. Hier sind Vergangenheit und Gegenwart sichtbar und eng miteinander verwoben – mittelalterliche Bauwerke, königliche Residenzen und modernes Ambiente inklusive. Wer hier unterwegs ist, erlebt Schottlands Herz mit all seinen Sinnen.
Eine Reise durch Zeit und Geschichte
Seit dem Mittelalter ist Edinburgh das Herz Schottlands. Unter König David I. wuchs die Stadt im 12. Jahrhundert zu einem religiösen und politischen Zentrum heran. Im 16. Jahrhundert prägte Maria Stuart, Mary, Queen of Scots, mit ihrem dramatischen Leben das Land nachhaltig. Ihr Sohn James VI. bestieg im Alter von nur 13 Monaten den schottischen Thron und vereinte 1603 als James I. von England die beiden Königreiche. Diese Union veränderte Schottlands Schicksal und legte den Grundstein für das heutige Vereinigte Königreich. Im 18. Jahrhundert wurde Edinburgh zum Zentrum der Aufklärung – ein geistiges Leuchtfeuer, dessen Strahlkraft bis heute spürbar ist.
Calton Hill, Holyrood Palace, Victoria Street
Am ersten Tag führt mich mein Weg als erstes auf den Calton Hill, einen der schönsten Aussichtspunkte der Stadt. Von hier eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf Stadt und Edinburgh Castle, das stolz auf dem Castle Rock thront. Etwas unterhalb liegt das Dugald Stewart Monument, eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt. Daneben steht das Nelson Monument, das Admiral Nelsons Sieg bei Trafalgar ehrt – leider während meines Besuchs wegen Renovierungsarbeiten nicht zugänglich. In der Nähe erinnert das National Monument of Scotland, eine unvollendete Nachbildung des Parthenon in Athen, an die schottischen Gefallenen der Napoleonischen Kriege.
Der Old Calton Burial Ground, mit Gräbern aus dem 19. Jahrhundert, erzählt leise Geschichten vergangener Zeiten. Das Memorial to Scottish-American Soldiers nahe beim Eingang ehrt jene Schotten, die im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpften – ein stiller Ort der Erinnerung.
Vom Calton Hill blicke ich auf die historische Holyrood Abbey, die derzeit eingerüstet ist und den Holyrood Palace. Gegründet 1128 von David I. entstand hier ein Kloster und ein königlicher Rückzugsort. Später wurde aus dem Kreuzgang der prachtvolle Palace of Holyroodhouse – der heutige Hauptwohnsitz der königlichen Familie in Schottland. Nach der Reformation verlor die Abtei Chor und Querschiffe, während der Herrschaft von James VII. und II. verfiel auch das Kirchenschiff weiter. Gegenüber kontrastiert das futuristische schottische Parlamentsgebäude von 2004 mit klaren Linien und moderner Architektur. In der Ferne prägen das legendäre, elegante Balmoral Hotel mit seinem Uhrturm und der geschäftige Waverley Hauptbahnhof das Stadtbild.
Die Victoria Street, bunt und mit Kopfstein gepflastert, zeigt Edinburgh von seiner kreativen Seite. Kleine Shops, Restaurants und Bars reihen sich aneinander, in den Schaufenstern stehen edle Whiskys, und im auffällig bemalten „The Enchanted Galaxy“ finden Fans von Harry Potter, Game of Thrones oder Marvel alles, was das Herz begehrt. Am Lawnmarket ertönt erstmals der Klang der Highlands: Ein Dudelsackspieler in traditionellem Tweed spielt stolz in der Frühjahrssonne – ein Moment, der sich sehr authentisch anfühlt.
Ein Must see: Edinburgh Castle und die Kronjuwelen
Von der Victoria Street steige ich zum Castle Hill hinauf. Nach dem Gate House, dem Portcullis Gate und dem Fogg’s Gate betrete ich den Crown Square. Hier oben stehen die Gebäude, die über Jahrhunderte Wohnort schottischer Könige und Königinnen waren. Königin Margaret starb hier 1093, ihr Sohn David I. liess ihr zu Ehren die St. Margaret’s Chapel erbauen – das älteste erhaltene Gebäude Edinburghs, in dem noch heute Hochzeiten und Taufen stattfinden.
Prominent erhebt sich der Royal Palace mit seinem achteckigen Turm. König Karl I. war der letzte Monarch, der hier übernachtete – in der Nacht vor seiner Krönung 1633 zum schottischen König. Heute werden die Räume rege besucht. Wie ich, wollen alle Besucher die «Honours of Scotland», die ältesten Kronjuwelen Großbritanniens und seit 1819 im Kronraum ausgestellt, bestaunen: Die Krone, das Zepter und das Staatsschwert. Die Krone aus schottischem Gold wurde 1540 in Schottland angefertigt. Papst Alexander VI. schenkte das Zepter 1494 an James IV, Papst Julius II. überreichte ihm 1507 das Staatsschwert. Diese Insignien wurden erstmals 1543 bei der Krönung von Maria Stuart zur Königin von Schottland gemeinsam verwendet.

The Great Hall, fertiggestellt 1511, diente einst für prächtige Feste und Staatsakte. 1650 nutzte Oliver Cromwell den Saal als Kaserne. Heute ist er restauriert und zeigt Waffen, Rüstungen und Zeugnisse der schottischen Militärgeschichte. Neben dem Königspalast erhebt sich das Scottish National War Memorial, eröffnet 1927, mit den Namen von über 100 000 Gefallenen. Glasfenster, Steinfiguren und die Wappen der Regimenter verleihen dem Raum Würde und stille Grösse.
Am zweiten Tag meines Stopover in Edinburgh weht ein kühler Wind, als ich die Princes Street entlang schlendere. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolken. Mein Ziel ist das West End, genauer Dean Village – ein nahezu verwunschener Ort am «Water of Leith Walkway», wo das Rauschen des kleinen Flusses Geschichten aus Jahrhunderten zu erzählen scheint.
Vorbei an der Reiterstatue des Duke of Wellington führt mich mein Weg zum Scott Monument: neugotisch, spitz, schwarz, 61 Meter hoch – wie aus einem Roman von Sir Walter Scott in Stein gemeisselt. Nur wenige Schritte weiter stehen die Scottish National Galleries – drei Museen in harmonischer Architektur aus Sandstein und Glas. Drinnen hängen Meisterwerke von Vermeer, Tizian, Rembrandt, Velázquez und Monet. Draussen spielt sich eine andere Szene ab: Ein Dudelsack-Spieler im Kilt füllt den Platz mit seinen Tönen, vermischt mit Strassenlärm und dem leisen Klirren von Münzen. «It’s all about keeping the tradition alive», sagt er lächelnd.
Entlang der Princes Street, über «The Mound», vorbei an der Statue von Allan Ramsay, führt mich der Weg zur Reiterstatue zum Gedenken an die Boer Soldiers und die Royal Scots Greys. Ein in Bronze gegossener Soldat in voller Paradeuniform auf Pferd erinnert an die Gefallenen des Burenkriegs. Später angebrachte Gedenktafeln erinnern an die Scots Greys, die in den beiden Weltkriegen und im Koreakrieg gefallen sind.
Dean Village und St. Giles’ Cathedral
Bei der St. John’s Episcopalkirche überquere ich die Strasse und erreiche wenig später Dean Village. Hier verändert sich die Stadt, Verkehr und Lärm bleiben zurück, der «Water of Leith» glitzert zwischen alten Mühlenhäusern. Einst trieb hier das Wasser unablässig Papier- und Getreidemühlen an, heute hört man nur das Plätschern des Wassers, das Zwitschern der Vögel und das Gemurmel der Selfie-Jäger. Restauriert in den 1970er Jahren, ist das Viertel ein Naturschutzgebiet – eine der fotogensten Ecken Edinburghs. Ich verweile, fotografiere, lausche den Lauten.
Mein nächstes Ziel ist «The Vennel Viewpoint», ein schmaler Treppenaufgang, der nach oben hin breiter wird und einen schönen Blick auf das Edinburgh Castle frei gibt. Unten auf dem Grassmarket herrscht geschäftiger Trubel: Es ist gerade Markt, Café- und Pub-Besucher sitzen draussen, ihre Stimmen hallen zwischen den alten Fassaden wider.
Zum Abschluss meines Stopover in Edinburgh besuche ich die St. Giles’ Cathedral auf der Royal Mile. Schon von aussen beeindruckt mich die Silhouette der «High Kirk of Edinburgh» mit dem fein ziselierten Hauptportal und dem Walter Francis Memorial davor. Seit dem 12. Jahrhundert wurde hier gebaut und erweitert – die dicken Mauern atmen Geschichte. Innen tauchen grosse Buntglas-Fenster den Raum in eine feierliche Ruhe.
Besonders beeindruckt mich die Thistle Chapel im Südosten der Kirche, 1911 im neugotischen Stil erbaut. Sie dient als Ordenskapelle des Order of the Thistle. Filigran geschnitztes Holz, die Wappen der Ritter, die wunderschön filigran verzierte Decke, alles zeugt von höchster Handwerkskunst. Der Distelorden, der hier einmal jährlich mit dem König tagt, ist nach dem Hosenbandorden der zweithöchste britische Ritterorden. Und der Bezug auf die Distel erklärt sich von ihrer Bedeutung als Schottlands Wappenblume.
Auf dem Rückweg zum Hotel biege ich mehrfach in eine der engen «Closes» ab. So wird eine schmale, historische Gasse genannt, die oft abseits der Royal Mile zu finden ist. Oft nach berühmten Bewohnern oder Gewerben benannt und manchmal mit Toren versehen oder in eine Sackgasse führend. Dunkel, eng, mit beidseitigen Hauseingängen – waren sie das Rückgrat des mittelalterlichen Edinburgh.
Mein Fazit: Edinburgh vereint Geschichte, beeindruckende Architektur und lebendige Atmosphäre – vom majestätischen Castle über bunte Strassen und ruhige Gassen bis zu Dudelsack-Klängen. Ein Stopover in Edinburgh, das ist mehr als eine Stadt die man besucht – sondern ein Erlebnis mit allen Sinnen.
Die Aufnahmen entstanden mit meiner Fuji GFX100s II und den Objektiven GF20-35mmF4, GF32-64mmF4 und GF100-200mmF5.6 sowie meinem iPhone 13 im RAW-Format. Bearbeitet mit Adobe Lightroom, DxO NIK Collection und Color Grading LUTs von Lutify.
Quellen:
Welcome to Edinburgh (Orientation map)
Eigene Internet-Recherchen
Eigene Recherchen in Prospektmaterial
Wikipedia












