Die Webseite von Stefan Forster verspricht viel: Islands wilder Süden als Fotoreise, vorbei an schwarzen Sandstränden, gewaltigen Wasserfällen und Landschaften, die Fotografen immer wieder innehalten lassen. Der Süden Islands ist ein raues, ungezähmtes Paradies. Während meiner Fototage bin ich ständig auf der Suche nach dem perfekten Moment und dem besten Licht. Die Zeit scheint fast stillzustehen.
Schon die ersten Kilometer auf der Ringstrasse zeigen, dass Island anders ist. Sobald ich die Region rund um die Hauptstadt Reykjavik verlasse und Richtung Süden fahre, verwandelt sich die Landschaft in eine epische Kulisse aus moosbedeckten Lavafeldern, schroffen Berghängen, wilden Flüssen und weiten Horizonten. Das Licht wirkt flach, dramatisch und verändert sich oft innerhalb weniger Minuten. Hinter jeder Kurve wartet ein neues Motiv auf mich. Schnell wird klar: Flexibilität ist bei dieser Reise entscheidend, denn das Wetter bestimmt hier den Rhythmus.
Die Gletscherlagunen Jökulsárlón und Fjallsárlón
Nach einem früheren Besuch im März 2019 verbringe ich die ersten Tage wieder an der Jökulsárlón und der Fjallsárlón Glacier Lagoon, diesmal bei strahlendem Sonnenschein. Tiefblauer Himmel trifft auf gleissendes Weiss und auf das intensive Cyan-Blau des uralten Gletschereises.
Die meiste Zeit verbringe ich am Jökulsárlón und am angrenzenden Diamond Beach. Riesige Eisbrocken werden ins Meer getragen und vom Nordatlantik wieder an den pechschwarzen Vulkanstrand zurück gespült. Zwischen Eis, Sand und Wasser entstehen starke Kontraste, die zum Spiel mit Perspektiven und Belichtungszeiten einladen.
Ruhiger präsentiert sich der kleinere Fjallsárlón. Während Jökulsárlón von Bewegung und Dynamik lebt, beeindruckt Fjallsárlón durch Stille. Bei Flaute liegt die Wasseroberfläche spiegelglatt vor mir und reflektiert die mächtige Abbruchkante des Fjallsjökull Gletschers. Die Landschaft wirkt karg und unwirklich; ausser meiner Gruppe von Gleichgesinnten menschenleer.
Majestätisches Vestrahorn und Geheimtipp Eystrahorn
Weiter im Südosten wird die Landschaft noch dramatischer. Auf der Landzunge Stokksnes verbringe ich viel Zeit mit dem wohl berühmtesten Motiv der Region: dem markanten, 454 Meter hohen Vestrahorn direkt hinter der Küste.
Der markante Berg aus dunklem Gabbro-Gestein wirkt aus jeder Perspektive spektakulär. Rund um Stokksnes bieten die schwarzen Sanddünen unzählige Möglichkeiten für interessante Vordergründe. Ich wandere zwischen dem verdorrten Dünengras ans Ufer wo die herannahende Flut mit den Steinen spielt, sie stetig sanft umspült.
Besonders fasziniert mich die Gezeiten-Lagune direkt vor dem Berg. Wenn das Wasser bei Ebbe hauchdünn über dem schwarzen Sand liegt und der Wind nachlässt, spiegelt sich das Vestrahorn nahezu perfekt. Wasser, Stein und Licht verschmelzen zu einem Bild, das beinahe gemalt wirkt. Meine Bilder von diesem Motiv sind nahezu perfekt.
Licht und Eis: Magische Sonnenaufgänge am Diamond Beach
Für die eindrucksvollsten Momente lohnt sich das frühe Aufstehen. Die Sonnenaufgänge am Diamond Beach gehören für mich zu den Höhepunkten der Reise. Sobald sich der Horizont verfärbt und der Himmel dann in intensiven Rot- und Orange-Tönen leuchtet, wird der nasse, schwarze Vulkansand zum Spiegel für das Morgenlicht.
Überall liegen Eisbrocken am Ufer wie verstreute Juwelen. Trifft das erste Licht der tief stehenden Sonne auf das klare Gletschereis, beginnen die Eisflächen zu glitzern und die warmen Farben des Himmels aufzunehmen. Für einige Minuten entsteht eine Szenerie, die gleichzeitig gewaltig, unwirklich und zerbrechlich wirkt.
Im Herz des Gletschers: Exklusive im Ice Cave des Vatnajökull
Ein besonderes Erlebnis ist das Fotografieren im ewigen Eis des Vatnajökull. Eishöhlen zählen zu den begehrtesten Motiven Islands und sind entsprechend stark besucht. Mein Guide Raymond Hoffmann ermöglicht mir jedoch einen exklusiven Zugang.
Noch vor Tagesanbruch fahren wir mit dem von Maria gesteuerten Superjeep von Arctic Adventures durch das von Moränen geprägte Gelände. Raymonds Timing ist perfekt: Wir erreichen den Höhleneingang 90 Minuten vor der regulären Öffnungszeit.
Im Ice Cave erwartet mich eine surreale Kathedrale aus blauem Eis – völlig still und nur für unsere Gruppe. Ohne Zeitdruck kann ich das Stativ ausrichten und mit unterschiedlichen Belichtungszeiten arbeiten. Die Wände erinnern an gefrorene Wellen und zeigen feine Ascheschichten vergangener Vulkanausbrüche. Jede Bewegung durch die Höhle eröffnet eine neue Perspektive auf die tiefblauen Strukturen. Diese 90 Minuten sind fotografisch für mich von unschätzbarem Wert.
Múlagljúfur versus Fjaðrárgljúfur Canyon
Am fünftem, dem letzten sonnigen Tag stehen zwei Canyons auf dem Programm, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zuerst geht es zum Múlagljúfur Canyon, einem noch ruhigen Geheimtipp. Der rund 90-minütige Aufstieg ist steil und schweisstreibend. Doch oben wartet eine überwältigende Aussicht: Die tief eingeschnittene Schlucht, mächtige Wasserfälle und der Jökulsárlón mit Bergkette im Hintergrund stehen für eine nahezu unberührte Natur. Das klare Wetter erlaubt mir, die gewaltigen Dimensionen in aller Ruhe mit dem Sensor einzufangen.
Danach folgt das Kontrastprogramm: der weltberühmte Fjaðrárgljúfur Canyon. Hier teile ich die Aussichtsplattformen mit zahlreichen anderen Besuchern. Für diesen Stopp bleibt bewusst nur eine Stunde. Die sanft geschwungenen, grünen und moosbedeckten Felswände wirken beinahe künstlich geformt. Trotz des Trubels sorgt das warme Nachmittagslicht für eine beeindruckende Plastizität. Sechzig Minuten genügen, um die charakteristischen Windungen aus verschiedenen Perspektiven festzuhalten.
Der Umschwung: Wenn Island die Schleusen öffnet
Island erinnert mich zum Schluss daran, wer auf dieser Reise das Sagen hat: das Wetter. Nach Tagen voller Sonnenschein kippt die Stimmung abrupt. Regen setzt ein und hört nicht mehr auf. Die letzten beiden Tage verbringe ich im Dauerregen. Fotografisch bedeutet das Stillstand – die Kamera bleibt im Rucksack.
Am Stjórnarfoss peitscht mir der Regen entgegen. Auch rund um Vík ist an Fotografieren kaum zu denken. Am Kvernufoss verschwinden Felswände und Wasserfall hinter Dunst und Tropfen, und selbst der majestätische Seljalandsfoss versinkt in einer grauen Wand aus Gischt und Wolken.
Auf dem Weg zum Hotel Konvin beim Flughafen Keflavík führt mich die Fahrt über die Reykjanes-Halbinsel. Dort sehe ich die jüngsten Folgen der Vulkanausbrüche bei Grindavík. Die Bilder sind erschütternd: von Lava beschädigte Häuser mit grossen Rissen, aufgerissene Strassen und zerstörte Infrastruktur. Ich fotografiere diese Szenerie nicht. Sie prägt sich mir auch ohne Kamera ins Gedächtnis ein.
Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die diese Reise begleitet: Island gibt – und Island nimmt. Genau diese Unberechenbarkeit macht Islands wilder Süden für mich zu einem einzigartigen Ort für die Landschaftsfotografie.
Die Aufnahmen entstanden mit meiner Fuji GFX100s II und den Objektiven GF20-35mmF4, GF32-64mmF4 und GF100-200mmF5.6. Bearbeitet in Adobe Lightroom und mit DxO NIK Collection.
Quellen:
Google Maps
Eigene Unterlagen und Internet-Recherchen








